
Band: And You Will Know Us By The Trail Of Dead
Platte: The Century of Self
Plattenfirma: Suberball Music/SPV
Bewertung: 8/9
Vor ein paar Jahren haben And You Will Know Us By The Trail of Dead in Deutschland gespielt. Conrad Keely stand vor dem Konzert im Publikum. Niemand beachtete ihn. Nach einer Weile ging er zu einer kleinen Gruppe und sagte: „Hi, I’ve come all the way from America to see these guys.“ Er grinste cheeky, drehte sich um und ging. Die Gruppe erwachte zum Leben. Sie tuschelte: „Mensch, das war doch der Sänger selber. Häh?“ Da war Conrad Keely selbst schon längst die Treppen hoch zur Bühne gestiegen. Wenig später wird er seine Gitarre ins Publikum halten und das Publikum darauf spielen lassen. Sie rutscht ihm fast aus seinen schweißnassen Händen.
Das ist Kraft, das ist Energie, das ist das, was jedes Red Bull verspricht und nie hält. Trail of Dead sind das bessere Red Bull. Das hat sich auch ein paar Jahre nach dem Konzert nicht geändert. The Century of Self beginnt mit „Giant Causeway“ und das ist ein Kracher; Gitarren, von denen Postrock noch etwas lernen kann; ein Schlagzeug, zu dem man besser moschen kann als zu Motörhead. Und das Beste: Diese Kraft lässt auf The Century of Self nicht eine Sekunde nach. Das, was das Konzert zu gefühlten 10 Minuten Länge, 10 Litern Schweiß und 10 Tonnen Adrenalin schrumpfen lässt, funktioniert auch auf The Century of Self. Du hättest Wäsche aufhängen sollen? Geht nicht, muss rocken. Du wolltest dich für die Party fertig machen? Ist egal, die Party ist hier. The Century of Self lässt so ziemlich alles vergessen, was nebenbei passiert und alles, was parallel zu The Century of Self passiert, ist irgendwie nebenbei. Es ist wunderbar, die Faust in der kurzen, abrupten Pause zwischen „Isis Unveiled“ und „Halcyon Days“ in die Luft zu werfen.
Und das einzige, was noch besser ist als das: The Century of Self lässt auch Luft zum Atemholen. Es funktioniert auch beim konzentrierten Zuhören. Erst dann werden die Feinheiten, die Gefühle sicht… hörbar, die The Century of Self von Knüppelrock unterscheidet. Da wird „Pictures of an only Child“ zur Ballade. Da wird „Luna Park“ zum traurigsten Liebeslied der Welt und „Fields of Coal“ zum Revolutionslied. Das aber nur für den, der sich die Zeit nimmt, The Century of Self zu hören und das Rocken erst mal hintenanstellt. Denn zum Glück ist Musik manchmal mehr als Unterhaltung und manchmal merkt man Musik auch an, dass ihre Macher sich mit mehr beschäftigen, als nur mit der Anzahl ihrer verkauften Platten. Auch wenn Conrad Keely seine Gitarren bei Konzerten zertrümmert und Kevin Allen bestimmt unzählige Drumsticks auf dem Gewissen hat, glaube ich, dass sie zuhause Instrumente stehen haben, denen sie so etwas nie antun würden, weil sie sie lieben. And You Will Know Us By The Trail Of Dead sind sicher eine der Bands, die Musik als das betrachten, was sie ist: Kunst und eine Möglichkeit, etwas auszudrücken, manchmal auch alle die Gefühle, für die wir sonst keine Worte finden.
Conrad Keely sagt zu dem Album, die Musiker hätten nicht eine Sekunde daran gedacht, Singles fürs Radio zu produzieren. So ein Quatsch. Jedes Lied ist ein Hit: Wenn man sie zwei- oder dreimal gehört hat, lassen sie einen nicht los, man singt ein oder zwei Zeilen immer wieder und trommelt mit ein oder zwei Fäusten auf ein imaginäres Schlagzeug ein. Das einzige, was jedes Lied auf The Century of Self von Radiohits unterscheidet, ist, dass sie einem nach dem zweiten Mal Hören nicht auf die Nerven gehen.
Und dann noch etwas: Fast immer wird die Band nur noch „Trail of Dead“ genannt, mitunter mit der Begründung „denn wer will einen so langen Bandnamen immer und immer wieder schreiben“. Aber „Trail of Dead“ haben es verdient, dass wir uns Zeit für sie nehmen und ihnen auch das „And You Will Know Us By The“ geben.
Fazit: Wenn solche Lieder häufiger im Radio kämen, würde ich in Kauf nehmen, mich offiziell zu meiner Leidenschaft für Radiohits zu bekennen.
Kerstin Petermann
0 Antworten zu „Besser als Red Bull.“