Liebe, Tod und Dosenbier.

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2008 war eine gute Zeit für Tomte. Bevor das Jahr zu Ende ging, trafen Linda und Diana Sänger Thees Uhlmann im emsländischen Lingen, wo sie im „Alten Schlachthof“ eines ihrer fast schon traditionellen Konzerte gaben. Neben einer gemütlichen Atmosphäre hat der Schlachthof auch einen Interview-Raum im Look alter Viva-Studios zu bieten. Zwischen roten Möbeln und Kunstrasen ließ es sich gut über Tomtes Anfänge, Glück und die wirklich großen Themen der Kunst plaudern.

Ich glaube, ihr spielt fast jedes Jahr in Lingen, oder?

Joa, so alle ein, zwei Jahre, manchmal auch öfter.

Kannst du dich an das erste Mal erinnern, als ihr hier wart und wie viele Leute da waren?

Drei oder so. Ich kann mich erinnern, dass ich da einen geliebten Pullover von mir verloren habe. Wir waren die Vorband von Muff Potter und ich weiß noch, dass der Sänger eine Palette Dosenbier ins Publikum geworfen hat, bevor es mit dem Konzert losging.

Mittlerweile sind Muff Potter beim Grand Hotel und ich finde es schön, wenn Kreise sich auf so eine Weise schließen. Ich war mit Nagel ja auch schon auf Lesetour. Was ich am alten Schlachthof besonders gut finde: Wenn es so etwas dort gegeben hätte, wo ich herkomme, dass sich jemand um eine Subkultur, Popkultur, Rock n´ Roll, oder wie du es nennen willst kümmert, dann wäre mein Leben schneller cool gewesen, glaube ich. Erstens ist der Laden hier geil, zweitens spreche ich die gleiche Sprache, Norddeutschland eben. Es gibt nur gute Gründe, hier in Lingen zu spielen.

 

Ihr könntet hier in Lingen aber auch in der Emslandhalle spielen, wo viel mehr Leute reinpassen würden und die ihr vermutlich auch voll bekommen würdet.

Wenn viele Leute kommen würden, würde ich vermutlich auch in der Emslandhalle spielen. Aber das ist hier einfach näherliegend, weil hier ein schöner Ort für Konzerte ist und man sich auch nicht wie ein einer Rockfabrik fühlt.

Ist das ein Luxus, den ihr euch inzwischen leisten könnt: „Wir spielen in kleinen Clubs, weil es da so nett ist.“?

Nein, dafür ist Geld mir zuviel wert. Ich muss kein Millionär werden, aber ich bin froh um jeden Euro, den ich mit Tomte verdienen kann, weil es eine ganze Zeit lang schwierig war.

Kommen wir jetzt mal zu eurem neuen Album „Heureka“, was frei übersetzt soviel wie „Ich habs gefunden!“ bedeutet. Was genau habt ihr denn gefunden?

Also ich für mich habe festgestellt, dass ich mit 34 Jahren noch nie soviel Spaß daran hatte, Lyrik zu schreiben, Das macht mich sehr glücklich weil ich es mir inzwischen auch mit 44 vorstellen kann, noch Musik zu machen. Das ist der erste Plattentitel, den wir uns gegönnt haben.

Fühlst du dich wie der idealtypische Mittdreißiger, der angekommen ist, ein bisschen mehr bei sich ist als mit Mitte 20?

Ich habe schon meinen Platz gefunden, ja. Es ist aber auch sinnvoll, dass man das mit 25 noch nicht hat, mit 35 aber schon. Das heißt aber nicht, dass ich schon satt bin, sondern ich bin eher noch hungriger als bei der letzten Platte.

Mich interessiert noch, wie du schreibst: Bist du eher ein intuitiver Schreiber oder hat sich deine Arbeit schon so professionalisiert, dass du einen Zuhörer vor Augen hat, der dich hören will und vielleicht auch etwas Bestimmtes hören will?

Nein, das ist nicht so. Ich denke auch, dass viele gerne Tomte hören, weil sie spüren, dass sie nie das Objekt der Begierde waren. Das Objekt der Begierde war es immer, einen kleinen Funken Wahrhaftigkeit zu entdecken in der Soße, die sich Leben nennt. Ich bin niemand, der sich in einem Moment hinsetzt und einen ganzen Text schreibt, sondern das ist oft ein monatelanger Prozess. Oft schreibt man bei den Aufnahmen noch dran rum, weil irgendwas nicht passt oder einen eine Vokabel anekelt. Trotzdem kommt manchmal schon der Moment, in dem mich die berühmte Muse küsst und ich denke: Der Satz ist gut, der beschreibt etwas. Aber den Text darum herum zu bauen dauert lange.

Was brauchst du, damit dich die Muse küssen kann?

Eigentlich brauche ich nur drei Tassen Kaffee, zwei Zigaretten und Zeit zwischen 10 und 14 Uhr. Ich schreibe am liebsten morgens.

Jemand hat mal gesagt: „Es gibt nur zwei große Themen in der Kunst: Die Liebe und der Tod.“ Würdest du das unterschreiben?

Und Bier. Man kann natürlich auch sagen, dass Bier eine Unterordnung von Liebe und Tod ist. Ein Emotionsbeschleuniger aber auch Lebensverkürzer. Aber ich habe selbst mal gesagt, dass ich nur über fünf Themen singe: Gier, Lust, Tod, Bier und Hass. Ich schreibe ungern situativ. Zum Beispiel darüber, wie toll der Abend im Lingener Schlachthof war. Darüber könnte man bestimmt wahnsinnig tolle Songs schreiben, aber das macht mich nicht heiß. Ich schreibe auch keine Songs über Nazis, weil ich für mich darin keinen fundamentalen Sinn sehe. Ich interessiere mich für eine gewisse Wahrhaftigkeit, eine gewisse Universalität. Das sind die Sachen bei denen ich merke, dass mein lyrisches Herz heiß wird, weil man da an einer Sache dran ist, die einen fasziniert und einem wichtig ist.

Wegen dieser emotionalen und teilweise auch extremen Themen passiert es dir, dass du häufig Mails bekommst und nach Konzerten von Leuten angesprochen wirst, die dir ihre eigenen Erlebnisse erzählen. Ist dir diese Intimität nicht manchmal unangenehm?

Dafür ist Rockmusik doch da, ehrlich gesagt. Ich bin nun mal der Sänger dieser Rockband und ich freue mich dass ich in einer Band bin, wo man solche Mails überhaupt bekommt. Früher hat so was vielleicht der Priester gemacht und sich den Scheiß der Bevölkerung angehört. Die Welt ist jetzt eine andere geworden und es ist eine Ehre und eine Verantwortung, aber das halte ich noch aus.

Meinst du, dass Tomte deshalb beliebt sind, weil ihr über Themen singt, die in Songs selten vorkommen, die aber jedem Menschen passieren?

Ich glaube einfach, dass wir typische Rockthemen haben. Neil Young schreibt einen Song über Kurt Cobain und muss dazu keine Stellung nehmen. Ich muss es schon tun, weil es in Deutschland vielleicht ungewöhnlich ist.

Kannst du es verstehen, dass viele mit eurer Art Musik zu machen nicht umgehen können, weil ihnen die Themen zu hart sind und sie sich beim Zuhören peinlich berührt fühlen?

Das kann ich verstehen, ja. Ich finde aber, es ist ein gutes Zeichen, wenn Leute sagen: Das pack ich jetzt nicht, das ist mir zu heftig. Weil ich immer ein großes Interesse an Härte habe.

Du hast mal erzählt, dass jemand in der Textzeile „Können wir uns einigen?“ (Voran, voran) eine Anspielung auf die deutsche Wiedervereinigung gesehen hat. Passiert es dir häufiger, dass Leute etwas anderes oder zuviel in die Texte reininterpretieren?

Das geht ja gar nicht, wenn ein Rezipient seine eigene Wahrheit erschafft, kann man ja nicht sagen, das sei falsch. Ein Song ist ja kein Gerichtsurteil, sondern eben ein Song. Man bekommt so was auch selten mit, Interpretationen bleiben ja meist privat. Was mir nur aufgefallen ist: Mir wird ja häufig Arroganz unterstellt. Und wenn ich dann singe: „Alles was du brauchst, findest du bei mir“ bin nicht ich gemeint, sondern es ist eine Zeile, die eine bestimmte Hoffnung weitertragen soll.

Was bedeutet Glück für dich?

Nach einem guten Konzert eine Zigarette zu rauchen.

Linda Wilken, Diana Burchgardt

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